Ein Zuhause wie aus dem Märchen

Anton Stalder fasste Architektur gänzlich als Handwerk auf: von der Ideenskizze über die Pläne bis zum Finish mit der Putzkelle. Bauen ohne Schnur und Senkel, jedoch mit möglichst rohen und ursprünglichen Materialien. Und in enger Zusammenarbeit mit Handwerkern und den künftigen Bewohnern, die so ein geborgenes Zuhause wie aus dem Märchen erhielten. Zur Vernissage seiner Bibliografie, 300 Seiten dick und 3 Kilogramm schwer kamen 300 Stalder-Aficionados nach Thun.

Das Phänomen Anton Stalder wird einem erst bewusst, als er an diesem Januar Abend sein Buch mit dem sperrigen Titel „Freie organische Architektur in gesunder nachhaltiger Bauweise – Bauen mit Menschen für Menschen“ in der trendigen Konzepthalle 6 am Anlass des Architektur Forums Thun vorzustellen beginnt. Vor über 300 gebannten Zuschauern führt er durch sein dickes Oeuvre, das 1971 mit dem Erstauftrag der Villa Zaugg in Spiez seinen charakteristischen Anfang nimmt. 

Gespräche zu Skizzen und Plänen

Das Phänomen basiert auf Details, die teils über 40 Jahre zurückliegen, die er nun akribisch in allen Farben auftischt, als hätten sie gestern auf der Baustelle stattgefunden. Details aus seinem Gedächtnis, das eng verknüpft ist mit „Bauen mit Menschen für Menschen“ , einen Slogan, der bei ihm Methode und nicht Kalauer ist. Weil jede seiner Skizzen auf dem Karreepapier, jede Berechnung, jede Zeichnung in enger Auseinandersetzung mit Handwerkern und künftigen Bewohnern resultiert, ist jeder Strich mit Gesprächen, Gesten, Antworten und Fragen verknüpft und so im Gedächtnis lebendig eingraviert. Die Verknüpfung abstrakter Daten mit prägnanten Ereignissen stuft die Hirnforschung seit geraumer Zeit als bestes Gedächtnistraining ein.

Zwei Ereignisse, beide am Anfang seines Schaffens, sind bestimmend für seine Architektur. Zunächst die Begegnung mit den Genfern Jakob und Christian Hunziker, deren Bauskizze für die Villa Zaugg er einsieht. „Von dem habe ich schon lange geträumt, dass man so bauen kann“, erinnerte sich Stalder an diesen einschlägigen Moment. Hatte er zuvor als Bauleiter die Hochhäuser der Wohnüberbauung der Berner Burgergemeinde in Wittigkofen hochgezogen, 26 Stockwerke für 1200 Betonwohnungen, sah er nun in den geschwungenen organischen Skizzen der Genfer Architekten die Richtschnur für seine Entwürfe. 

Nach dem Hohn die Lebensfreude

Über das zweite Ereignis redete Stalder am Ende der Vernissage, als er gegen 23 Uhr über 80 Exemplare seines Buches verkauft und mit Widmungen versehen hatte. Seine Pläne für die Villa Zaugg waren an einer Stellwand neben der Baugrube angeschlagen, wo sie sogleich Spott und Hohn ernten. „So etwas kann nur ein himmeltrauriger Architekt gezeichnet haben, nie und nimmer lässt sich so was bauen“, lästert ein Bauer, der sich seit Jahren im Nebenerwerb als Maurer anheuert. Stalder nimmt es gelassen, später beim Weihnachtsessen kommen ihm aber fast die Tränen, als nämlicher Bauer zu einer Rede ansetzt und bekennt, er habe sich nie im Leben vorstellen können, eines Tages deshalb mit Freude zu erwachen, weil er auf diese Baustelle gehen kann.“

Die neue Formsprache der Villa Zaugg mit Wänden, die nicht rechtwinklig zueinanderstehen und der horziontal-vertikalen Ausrichtung spotten, mit naturnahen Materialien, unverleimten Holz, roher Beton, Zement ohne Zuschläge, Kalkverputz, Isolation aus Zellulose, Türen aus Massivholz unbehandelt sowie Steinplattenböden, dazu nach dem Sonnenverlauf ausgerichtete Fensterfront mit wirkungsvoller Verschattung durch unregelmässige Dachvorsprünge, all dies spricht sich wie ein Lauffeuer herum. Es ist indes nicht nur die Formensprache, die Aufmerksamkeit erregt.  Ebenso spricht sich herum, dass der Architekt gemeinsam mit den Bauherren  Raum und Nutzung entwickelt und es ihnen ermöglicht, selbst Hand anzulegen, sodass immer wieder Wohnsuchende vom Stalder-Virus befallen wurden, wie sie selbst im Buch berichten. Darunter befanden sich nicht etwa weltabgewandte Öko-Eiferer der ersten Stunde, sondern vor allem engagierte Lehrer  und Künstler wie Kurt Zaugg, der später in Madrid Direktor der Schweizer Schule wird – und zur Vernissage eigens aus Madrid anreiste – oder Ärzte, die sich von Stalder das Haus inklusive Ärztepraxis erbauen liessen. 

Mehrgenerationenhäuser

Der Einwand aus heutiger raumplanerischer Sicht könnte sein, dass die Mehrzahl der Stalder-Bauten keine Mehrfamilienhäuser sind mit der Ausnahme der Siedlung Reber in Schmitten. Diesem Einwand ist entgegen zu halten, dass in den 1980/90er Jahren – und auch heute noch – eine derart eigenwillige Bauweise kaum mehrheitsfähig war. Immerhin sorgte Stalder mit den Bauherren dafür, dass ihre Häuser möglichst flexible Nutzungen ermöglichen und sich später auch zu Mehrgenerationenhäuser entwickeln konnten.

Der finale Lackmustest für seine Bauten erlebte Anton Stalder im Januar an seiner Buchvernissage, zu der über 300 Personen angereist kamen, viele ehemalige und heutige Bewohner seiner Bauten, um mit ihm Erinnerungen auszutauschen. Man muss sich nicht unbedingt über die radikale Formsprache seiner Werke begeistern. Die nach wie vor anhaltende Zustimmung der Bewohner an der Vernissage demonstrierte jedoch, dass Anton Stalder jene Eigenheime in märchenhafter Form und Geborgenheit schuf, die sie sich erwünschten. Und dass er dabei diese Architektur auch authentisch verkörperte und offenherzig und nahbar und humorvoll den Werdegang der Häuser begleitete. 

Text und Fotos: Christian Bernhart