Fachtagung Verdichtetes Bauen 2015

BERN. An der Fachtagung Verdichtetes Bauen unterstrich der Berner Städteplaner Mark Werren den langen Atmen und die Partizipation, die dazu unabdingbar sind. Der grüne Politiker und Losinger-Marazzi-Direktor Alec von Graffenried ortete hierzu grosse Chancen bei der Umnutzung von Industriebrachen und zeigte mit den Architekten Daniel Huber, Thomas Schnyder und Palle Petersen verdichtetes Bauen konkret vor. Das Podium stritt über nötigen Voraussetzungen.

Die Beispiele des verdichteten Bauens sind in der Schweiz beispielhaft vorhanden, wie Baubiologe Daniel Huber an mehreren Beispielen seines Wettinger Büros 5Architekten illustrativ projizierte. Wo in Aarau im Einfamilienhaus noch eine Person auf einer Parzelle mit 882 m2 lebte, ermöglicht der moderne Ersatzneubau nun das Leben mit 5, maximal 7 Personen, was dann pro Person einen Flächenbedarf von 117 m2 ausmachen würde. Noch eindrucksvoller: Das Einfamilienhaus aus den 1950er Jahre in Spreitenbach, das noch 2 Personen beherbergte, wich einem Mehrfamilienhaus für 16 bis 20 Personen, mit dreieinhalb Geschossen statt vormals zwei, von kompakter Bauweise mit einer lichten Fensterfront gegen Süden. Die Parzellenfläche pro Person reduzierte sich drastisch von 639 m2 auf bloss 64 m2. Während verdichten in kleinen Masse immer möglich ist, braucht es für grössere Areale und Quartier Druck von der Politik, vertrat Palle Petersen.

Spannende Projekte der Verdichtung

Als Direktor für nachhaltige Entwicklung beim Unternehmen Losinger-Marazzi, das dem französischen Bouygues-Konzern angehört, steckte Alec von Graffenried für den grösseren Rahmen mit folgenden These auf: Die wirksamste Lösung ohne zusätzlichen Landerwerb ist bei der Umwandlung von Industriebrachen möglich, was Losinger-Marazzi in Zürich-Süd bei Wollishofen erstellt. "Überlagerte Nutzung bieten die spannendsten Projekte der Verdichtung", verfocht von Graffenried und erwähnte dazu auch die Überbauung beim Bahnhof Thun, die nun zentral neben Wohnungen ein Multiplex-Kino beherbergt, und auf internationalen Ebene die neue Markthalle in Rotterdam, wo 228 Wohnungen als eine Überdachungskuppel gestaltet sind. Grösste Problemkreise für die verdichtete Bauweise sieht von Graffenried bei den zerstückelten Eigentumsverhältnisse in Häusern mit Stockwerkeigentum und auch bei Häusergruppen ausserhalb eigentlicher Bauzonen, wo dieses Vorgehen zu neuen Forderungen nach Verkehrsinfrastruktur führt.

Auslagerung der Depots

Wie verdichtetes Bauen sich in die Köpfe der Politiker und Städteplaner einnistet, war vom Berner Städteplaner Mark Werren zu erfahren. Beschleuniger dazu war das gestiegene Raumbedürfnis auf begrenztem Platz: 3 Personen pro Wohnung in den 1960er Jahren gegenüber 1,5 Personen heute, was zum Wegzug von rund 30'000 Einwohnern aus der Stadt Bern führte. Gegensteuer als Antwort darauf besteht im Schaffen von neuem Bauland innerhalb der Stadt, indem die KVA-Anlage verlegt wurde und ein Tram- sowie ein Feuerwehrdepot demnächst geschleift wird. Auch setzt Bern aufs Umstrukturieren in Quartieren durch Neubauersatz. Vorauszusetzen sei aber, dass die Qualität damit erhöht werden kann. Der Neuplanung geht die Analyse zur Identität des Quartiers, der sozialen Durchmischung, der Infrastruktur von Läden und öffentlichen Verkehr sowie den nötigen Freiräumen voraus. Bei der Überbauung Brünnen, so das Eingeständnis, ist dies nicht optimal verlaufen. "Die Infrastruktur konzentriert sich im Westside, was ein Problem darstellt mit Lärm und keiner Durchmischung zwischen Arbeit und Wohnen", analysierte Werren. Dass aber in Brünnen keine Hochhäuser stehen, decke sich mit der von ihm proklamierten Grundhaltung: "Mit Hochhäusern kann man keine höhere Dichte als mit der klassischen Bauweise erzielen."

Lange Planungszeit: 2013 bis 2021

Am Beispiel der geplanten Überbauung des Viererfelds angrenzend an das Quartier der Länggasse zeigte Werren schliesslich auf, welchen langen Atem die Planung bis zum möglichen Spatenstich haben muss. Erstmals 2004 vom Volk abgelehnt, erlebte die Überbauung 2013 ein Revival. Mit drei runden Tischen, dem letzten als öffentliche Mitwirkung, und entsprechenden Konzeptvarianten. Auf dessen Grundlage man dann den Zonenplan mit Gebäudehöhen, -abständen und Erschliessung als Grundlage für einen Wettbewerb erstellte. 2016 kommt es zur Abstimmung des Zonenplans, bei Annahme 2017 zum Wettbewerb und ab 2021 zum Bewilligungsverfahren und später zum ersten Spatenstich. Der Frage von Baubiologe Jörg Watter, ob nachhaltige Bauweise in die Planung einfliesse, entgegnete Werren, dass in der Grundbauordnung höchstens das Einfordern ein es Energieplans vorsieht.

Am Podium stellte Toni Koller, ehemaliger SRF-Radioredaktor, die Frage, wie man den Schweizern ihren Traum vom Einfamilienhaus im Grünen ausreden könne. Die Antwort mittels städtebaulich guten Konzepten war präzis, ist in der Wirklichkeit schwierig einzulösen. Der Wege dazu führt über Wettbewerbe zu Quartier- und Gestaltungsplänen. In diesem Zusammenhang wurde dann im Podium auch wieder betont, welchen wichtigen Wert den einkalkulierten Freiräumen zukommt, wozu Daniel Bächli, Landschaftsarchitektin des Kantons Aarau an konkreten Beispiel vorgezeigt hatte, wie durchdachte Freiräume Quartiere aufwerten und Lebensqualität bringen.

Abgrenzen von Öffentlichem und Privaten

Wo aber steht der Mensch bei den Konzepten des verdichteten Bauens im Zentrum? Watters kritische Frage nach den Vorlieben der Bewohner, erhielt durch von Graffenried die Antwort, dass es eine klare Gliederung zwischen privaten und öffentlichen Raum braucht, und zwar in einen öffentlichen Raum, wo auch Ereignisse und Zusammenkünfte stattfinde. Solche Durchmischungen sind laut von Graffenried in kleinen Massstäben schwierig zu erzielen, sorgen hingegen in grösseren Überbauungen insbesondere durch Baugenossenschaften für eine gute Durchmischung.

Thomas Schnyder, der mit seinen flexiblen Häuserelementen Living Boxes vorführte, wie auch im ländlichen Raum Verdichtung durch Anpassung mit Holzbau-Standardelementen zu gewinnen ist, ging am Ende der Veranstaltung noch kurz auf die einst notwendige und auch angeordnete Verdichtung in Städten ein. So hätten Städte, die das Geld für neue Stadtmauern nicht aufbringen konnten, den Bevölkerungsdruck durch höhere Bauten und dichtere Häuserreihen aufgefangen. Und Calvin habe in Genf die Verdichtung sogar eingesetzt, um die soziale Kontrolle in der Bevölkerung zu erhöhen.

Aufzeichnung und Bilder: Christian Bernhart