Zur Durchlüftung und als Lärmschutz an den Rand gedrängt

Auf der Erlenmatt der Stadt Basel, dem einstigen Güterumschlag der Deutschen Bahn, ist im Westen ein 2000-Watt-Areal entstanden, ein weiteres im Osten am Entstehen. Die Nachhaltigkeit gehen der Generalunternehmen im Westen, die Genossenschaften im Osten unterschiedlich an. Die Gestaltung bis zu den Hausvolumen jedoch hatte Baselstadt 2004 längst festgenagelt.

Betritt man nördlich der Messe Basel ohne Vorkenntnisse die Erlenmatte, so reibt man sich Augen und hat Mühe zu verstehen, weshalb die Häuserzeilen so dicht als Randblockbauten rund um Grün gruppiert sind, sowohl im Westen, wo nun etwa 1200 Bewohner leben, als auch im Osten, dessen Überbauung zum grossen Teil noch im Baugerüst steht.

Die exakte Aufteilung verdeutlicht die Lage: 5,8 Hektaren Grünfläche in der Mitte, Baufeld Erlenmatt-West 2,6 ha, Erlenmatt-Ost, 2,2 ha, dazu auf der Ostseite 1 ha für einen Grossverteiler nebst einem Silo, das noch umzubauen ist. Dichtes Bauen drängt sich zwar als Mittel gegen Landverschleiss auf. Warum jedoch das Grün als Freiraum ganz auf die Mitte zu konzentrieren? Gewiss, 58 Hektaren ergibt einen kleinen Park, auf den Basel stolz ist

Volumen und Ausrichtung vorgeschrieben

Doch solch planerisches Korsett weist die Architektur in die Schranken, würgt sie gerade zu ab. Selbst wenn in Erlenmatt-West je unterschiedliche Baukörper stehen, bleibt der Eindruck, dass hier Ähnliches vom Gleichen verbaut wurde.

Es ist das Korsett des Überbauungsplanes von 1996, 20 Jahre vor der Überbauung. Ausgangspunkt ist der 27. Juli 1852, als das 19 ha umfassende Land in einem eidg. Staatsvertrag dem damaligen Grossherzogtum Baden für den Nutzen der badischen Eisenbahn überschrieben wurde, Land für Güterumschlag, das die Deutsche Bahn 1989 nicht mehr nutzen wollte. Nun war das Land bereit für Neues. Zu drei Seiten aber bereits belastet, von Autobahnzubringern umrandet: dem Zubringer im Osten nach Deutschland, im Norden und Westen nach Frankreich mit einem Tunnel Richtung Klybeck samt hohen, hässlichen Abluftturm, der nie im Einsatz war.

Wohnhäuser als Lärmschutz

Die Verkehrsbelastung führte dazu, dass die Planung von 1996, an der sich 273 Büros aus ganz Europa beteiligten, strikte, auch meteorologisch bedingte Vorgaben umfasste: «Die Durchlüftung des Stadtteils in Nord-Süd Richtung soll nicht durch querstehende Gebäude behindert werden.» Bei Meteo-Schweiz löst diese Vorschrift heute ziemliches Kopfschütteln aus, denn der Wind aus dem Norden bläst hier höchstens mit 40 km/h eher schwach, nicht geeignet mit Nachdruck Basel zu durchlüften. Westwinde bliesen in Basel weitaus stärker. So oder so hielten ein paar Häuserzeilen den Wind, der um viele Ecken bläst, nicht auf, meint Daniel Murer von Meteo-Schweiz.

Die parlamentarische Bau- und Raumplanungskommission warf zur Einzonung die Frage auf, «ob diese Lärmbelastung eine Wohnnutzung in nächster Nähe überhaupt zulässt». Eine Frage, die wie folgt bejaht wurde: Die Lärmempfindlichkeit III (60 dB Tag, 50 dB Nacht) könne eingehalten werden, «weil die Gebäude auf dem ganzen Areal so angeordnet werden, dass gegenüber der Autobahn ein wirksamer Lärmschutzriegel gebildet wird». Wohnungen als einzukalkulierender Lärmschutz? Die Kommission ging davon aus, dass zur Autobahnseite nur Badezimmer, Gewerbe- und Abstellräume sowie Treppenhäuser erstellt würden.

Dem sprach das Parlament 2004 zu, die Hürde der Volksabstimmung wegen Referendum durch FDP und SVP nahm die Einzonungsvorlage 2005 mit Zweidrittelmehrheit. Es kam zu einer Zwischennutzung mit Events, die Kultstatus erreichten, bevor 2012 die Bagger auffuhren.

Weisser Lärmriegel

Totalunternehmer Losinger Marazzi zog vier grossvolumige Bauten innert drei Jahren in einer Parforceleistung hoch. Der auffälligste 8-geschossige Bau direkt neben dem hässlichen Abluftturm und der donnernden Einfahrt in den Kylbecktunnel (Steinmann & Schmid Architekten) begleitet mit parallelem 3-geschossigen Bau mit insgesamt 174 Wohnungen präsentiert sich wie Kreuzfahrtdampfer, der nie in See stechen wird. Auf Baufeld F (F.A.B. mit Itten Brechbühl) stehen zwei längliche 4- und 5-geschossigen Gebäuden und 180 Wohnungen und auf Baufeld E (Züst Güdeli Gametti Architekten) eine 6-geschossige Blockrandbebauung und 6 Reihenhäuser mit 225 Wohnungen, davon 42 im Stockwerkeigentum. Schliesslich fügt sich auf dem Baufeld C2 gegen die Messe Basel hin eine Seniorenresidenz mit 63 Wohnungen (Feddersen, Berlin mit Kury Stahelin Architekten) an.

Man mag den Vorwurf der Uniformität und Monotonie innerhalb der einzelnen Baufelder aufstellen, doch Reto Meier, Leiter der Überbauung von Losinger Marazzi gibt mit Recht zu den Bedenken: «Die Volumina entsprechen dem Überbauungsplan von 1969.» Darin waren sogar die Geschosshöhen vorgegeben, einzig der weisse Dampfer sah im Plan Bürobauten vor, für den es aber, so Meier, keinen Markt gab.

Innere Werte

Das Wohlbefinden der Neuzuzüger lässt sich aber nicht von den Häuserfassaden ableiten. Cordula Hawes, die mit Ihrem Mann und zwei Kindern von Allschwil in eines der sechs Reihenhäuser (Baufeld E) zog, sagt unumwunden: «Wir sind begeistert, mit allen Problemen, die es in einem neuen Quartier, eigentlich in jedem Quartier gibt.» Begeistert sicher auch deshalb, weil sie das Schmuckstück erworben haben, dazu kommen Infrastruktureinrichtungen, wofür Stadt Basel nun Geld mit vollen Händen ausschüttet. Da wäre das neue Schulhaus Erlenmatt für 35 Mio. Franken, der Max Kämpf Platz, der noch für 6,2 Mio Franken als Spielplatz verschönert und die Trendsporthalle entlang Riehenring, die für 20,5 Mio. Franken erbaut wird. Was für Hawes aber jetzt schon zählt: «Hier gibt es keinen Autoverkehr, gut für die Kinder, die Auslauf brauchen und hinauskönnen in den Park mit einer riesigen Freifläche für die Ewigkeit.»

Hawes positive Einstellung ist verankert in der Quartierarbeit. Sie ist eine von acht Bewohnern, die als Ambassadoren in freiwilliger Arbeit jeden Monat für Erlenmatt-West ein Event organisieren. Weiteres Bindeglied ist die «Erlenapp», worauf alle einsehen können, wie viel Energie sie verbrauchen, aber auch als virtuellen Marktplatz nutzen, Werkzeuge suchen oder auslehnen, so dass nicht jeder eine Bohrmaschine kaufen muss. Ambassador Steven Tirrito, der für Baubio die Kontakte zu Erlenmatt-West schuf, ist ebenfalls bereit, seine Eigentumswohnung in der Blockrandbebauung nebenan zu zeigen. Die Lage mit Blick auf den Erlenpark im Osten und in den Innenhof im Westen ist privilegiert: viel Grün, kein Lärm. Der quirlige, kommunikative Versicherungsberater, war sofort begeistert vom Projekt der Quartierarbeit. «Eigentlich sind wir hier eine Stadt in der Stadt, sehr international. Die Hauptsprache ist fast immer Englisch.» 20 % der Wohnungen haben Roche und Novartis für ihre wechselnden Mitarbeitenden erworben. Das Negative, die umrundende Autobahn, erwähnt er in Zusammenhang mit der Hoffnung auf mögliche Untertunnelung. Was für ihn zählt, ist die gute Dämmung der mit Fernwärme beheizten Wohnung. Logistikunternehmer Philipp Sterk wohnt im Parallel-Bau zum Weissen Dampfer in einer WG. Im Neuzuzüger-Apéro ist es ihm sofort gelungen eine Läufergruppe im Quartier zu organisieren. Nun gibt es gemeinsame Jogging-Runden, in den Norden mit Verbindung unter der Autobahn zu den Langenerlen oder den Rhein entlang zum Dreiländerdreieck. Wohlige Wohnatmosphäre jedoch beim Parallelbau zum Weissen Dampfer nicht auf, Ablagerungsstaub von der Autobahn dringt bis in den schmalen Hinterhof. Im achtgeschossigen Bau soll man jeden Lastenzug beim Fahren in die Tunnelrampe mit dumpfen Schlag hören. Gemütlich ist es jedoch in der alten Bahnkantine, dem neuen Treff, der in der Zwischennutzung als Erlkönig Stadtruf hatte.

Ein Gespräch ausschliesslich mit Ambassadoren über den Wohnkomfort in der Erlenmatt erlaubt zwar kein objektives Urteil, aber es zeigt offensichtlich, die Vorteile des Quartiers auf. Wer sich hier einbringt, lernt im Nu neue, interessante Leute kennen und kann sich als Quartierbewohner fühlen.

Gemeinschaftliches in Erlenflex

Dieser Weg wird in Erlenmatt-Ost von der Stiftung Habitat der Roche-Mäzenin Beatrice Oeri über die Genossenschaften beschritten. Hier wurde offenbar das sture Blockrand-Konzept gegen den Park hin etwas gelockert, die einheitlichen Volumina bei den 9 noch im Bau stehenden Gebäuden leisten der Uniformität Vorschub. Im ersten nun von der Genossenschaft Erlenflex erstellen 6-geschossigen Haus (Architekt Bart & Buchhofer) sind die Bewohner bereits eingezogen. Im Betonbau mit den markanten Geschossabschlüssen und Holzaussenwänden liegt das Treppenhaus zentral und führt auf jeder Etage zu vier Wohnungen (1,5- bis 6,5-Zimmer). Markantes Detail sind im Parterre-Eingang der Café-Raum sowie die Gemeinschafts-Wäscheküche, dazu die unterschiedlichen Farbkonzepte von Eva Molina sowie verschiebbaren Holz-Jalousie-Wände, die vor Fenster und Balkone verschiebbar sind. Sie werfen das Sonnenlicht als Mosaikbild an die Wohnungswand. Der Hausbesuch zeigt den Trend zu beschränktem Raum für Wohnzimmer zugunsten grösserer Kinderzimmer. Alle Leute kennen sich, besuchen einander und tauschen sich aus. Die Belegung ist strikt vorgeben, ein 2-Personenhaushalt darf maximal eine 3-Zimmer-Wohnung belegen. Auch Erlenmatt-Ost will den Label 2000-Watt-Areal. Der Strombedarf soll primär die Vernetzung über Fotovoltaik auf den Dächern autonom gedeckt werden.

Abschiessend kann weder Erlenmatt-West noch -Ost beurteilt werden. Wer jedoch im Hunziker Areal sieht, zu was Architektur fähig ist, wenn sie nicht im vornherein in ein Korsett gezwängt wird, darf sich ausmalen, wie kreativer, lebendiger und fantasievoller es die Erlenmatter hätten haben können. Vielleicht ist der Basler-Geist halt so organisiert wie die Basler Fasnacht, wo seit Jahrzehnten mit gleich strengem und rituellem, mitunter auch militärischem Ablauf Verkleidung und Sprüche organisiert und mit Fleiss und Hingabe in stets ähnlich gleicher Weise präsentiert werden.

Text und Bilder: Christian Bernhart

 

Weitere Info unter: 
Erlenmatt-West: www.erlenmatt-west.ch
Erlenmatt-Ost: www.erlenmatt-ost.ch