Innovativer Gebäude-Mix, verwinkelt wie in einem Dorf

Für innovatives, auch experimentelles Zusammenleben von 1'350 Bewohner hat die Baugenossenschaft «Mehr als Wohnen» dreizehn verwinkelte Gebäude auf dem Areal der einstigen Betonfabrik Hunziker in Zürich Nord gebaut. Unkonventionell war allein schon die Planung.

«Mehr als Wohnen» ist nicht bloss der Name von heute 55 vereinten Zürcher Baugenossenschaften, sondern gleichzeitig auch Programm für das seit 2015 bewohnte Hunziker Areal: Im «Atelier Karin H» geht Karin Holenstein von Tisch zu Tisch und wacht darüber, wie die Anwesenden aus Schnittmustern und bunten Stoffen Blusen, T-Shirts und andere Kleidungsstücke schneidern. Mal setzt sie sich selbst an eine Nähmaschine, mal schaut sie prüfend über eine Schulter, mal zeigt sie dem Architekten, der bisher nie eine Nähmaschine angefasst hat, wie er am besten den Hosenbund der Jeans absteckt, die er hier für sich näht. Insgesamt besuchen jede Woche zwischen 70 und 80 Teilnehmende die Nähkurse für Erwachsene.

Ein paar Türen weiter, in der «Werchschüür», dem Malatelier für die Integration psychisch belasteten Menschen, beugen sich Anita Kaufmann und ihr Lehrling über bunte Butzenfenster. Den Rahmen haben sie frisch gestrichen. Nun entfernen sie das Abdeckband; schon morgen gehen die Fenster zurück an die Kundin. Im Gebäude «Der Berg»1 am Hunziker-Platz, im Quartier-Treff testet Studentin Giulia Fontana mit zwei Kommilitonen des transdisziplinären Labs (TdLab) von den Umweltsystemwissenschaften (DE-USYS) der ETH Zürich ihre Kameraausrüstung für ein Filminterview zum Kurs «Nachhaltige Ernährung» im Hunziker Areal.

«Manchmal fühlen wir uns ein bisschen wie in einem Zoo», scherzt der Kursleiter Matthias Probst. Der Umweltwissenschaftler wohnt selber auf dem Hunziker Areal, das seit der Eröffnung nicht nur von Studierenden und Forschenden regelmässig besichtigt wird.

12er WG in Clusterwohnung

Denn auf den 40‘000 Quadratmetern der ehemaligen Betonfabrik Hunziker in Zürich-Nord hat die Baugenossenschaft «Mehr als Wohnen» eine Mustersiedlung realisiert, die mehr bieten soll als bloss günstigen Wohnraum für nun 1350 Personen. Hier, zwischen Oerlikon und Wallisellen beim Radio- und Fernsehstudios am Leutschenbach ist ein Quartier entstanden das auch neue Formen des Wohnens ermöglicht (siehe Kasten rechts, Mustersiedlung auf Industriebrache).

Als Probst von neuen Wohnformen hörte, bewarb er sich umgehend. In seiner WG mit 11 Mitbewohnern schätzt sich glücklich: «Vorher wohnte ich in einer klassischen Mietwohnung. Da kannte ich nach zehn Jahren weniger Leute als hier nach einem halben Jahr.» Er wohnt am Hunziker-Platz in dem vom den Duplex Architekten entworfenen Haus «Innenstadt»1. Es hat eine Fassade aus beige verputztem Einsteinmauerwerk und raumhohe Fenster nach aussen sowie ins Treppenhaus mit Oberlicht im Gebäudezentrum. Speziell ist jedoch sein Innenleben: Auf fünf Stockwerken sind elf Satelliten- oder Clusterwohnungen untergebracht mit bis zu 400 m2-Wohnungen für 12 Personen. Jeder verfügt über ein Zimmer mit Kochnische, Kühlschrank, Bad und Balkon. Daneben teilt man sich eine Küche, einen Wohnraum und einen grossen Balkon.

Engagement im Quartier

Kurz vor Mittag schlendern grüppchenweise Kindergarten- und Schulkinder unter den Platanen über den Hunziker-Platz. Am Rand des zentralen Brunnens hält Jan Rothenberger sein Töchterchen Gianna behutsam fest, während sie mit dem Wasserstrahl spielt. Rothenberger ist mit Partnerin und Freunden in eine WG gezogen. Seit Giannas Geburt leben sie zu dritt in einer Wohnung, mit grossem Balkon und Blick auf den Zürichberg. Das Gebäude "Die Zwiebel" wurde von den Miroslaw Šik Architekten gebaut und hat eine in hellem Gelbton verputzte Fassade mit Versätzen, um mehr Licht in die Wohnungen zu bringen. Dem jungen Vater gefällt es: "Wir haben viele Freunde hierher mitgenommen, aber auch viele Leute neu kennengelernt. Dazu gibt es hier viele Möglichkeiten." Seine Partnerin engagiere sich in einer Quartiergruppe zu Kunst am Bau. Und seine Tochter Gianna besucht die städtische Kita am anderen Ende des Areals.

Hier steht «Der Piranesi», ein weiteres von den Zürcher Duplex Architekten entworfenes Gebäude, wo durch den oben verglasten Lichthof im Treppenhaus die Kinderstimmen laut hallen. «Es ist das schönste Haus; es war unsere erste Priorität, als wir uns bewarben», sagt eine junge Bewohnerin, die hier mit ihrem Mann und ihrer vierjährigen Tochter in einer 4,5 Zimmer-Wohnung lebt. Sie seien der Tochter wegen hierhergezogen. «Wir fühlen uns hier zu Hause. Die Grundidee ist wirklich super, und die Stimmung im Haus ist sehr gut», sagt sie.

Dialog-Planung statt Reissbrett

Spatenstich zur dieser «super Grundidee» war im Juli 2012; die ersten der rund 370 Wohnungen waren im Herbst 2014 bezugsbereit. Doch die prägenden Weichen wurden vor 10 Jahren gestellt, als 2008 die Baugenossenschaft «Mehr als Wohnen» kurz nach ihrer Gründung einen radikal anderen Planungsweg beschritt. Aus einem internationalen Wettbewerb mit knapp 100 eingereichten Projekten, erhielten 26 ausgewählte Teilnehmer den Auftrag, ein städtebauliches Konzept zu erarbeiten inklusive Entwurf für ein einzelnes Haus. Die Vorgaben dazu: neue Wohnformen, 2000-Watt-Gesellschaft-Richtlinien, Mehrgenerationen, günstig, sowie Optimierung im Planungs- und Bauprozess. Projektgewinner war die Arbeitsgemeinschaft Duplex und Futurafrosch, während die Müller Sigrist Architekten, Miroslav Šik und Pool Architekten Auszeichnungen für Einzelgebäude, Müller-Illien Landschaftsarchitekten für die Umgebung erhielten.

Und jetzt fand das innovativ Prägende statt: Anstelle von bürokratischen Reissbrett-Planern, rauften sich die Siegerteams, die Jury und weitere Beteiligten zusammen und knobelten ein halbes Jahr daran, um auf dem Areal die die Gebäude mit ihren Strukturen, Typologien und Abständen zueinander, des Weiteren mit dem Mix von Wohnen und Arbeiten sowie von Innen- und Aussenraum zu finden. Dieses Austarieren fand den Niederschlag in der Art der 13 Gebäude und ihrer Lage zueinander: grosse Einzelvolumen fast ohne rechte Winkel, versetzt zueinander in einer Weise angeordnet, dass sich dazwischen Gassen und unterschiedlich grosse Plätze bilden. Jeder Grundriss ist anders, kein Haus ist gleich wie das andere.

Minergie als Stromfresser

So etwa «Der Berg» der Pool Architekten am Hunziker-Platz: Es ist ein massiver Würfel, gegossen aus rohem Dämmbeton, anstelle von Balkonen hat es schmale Austritte. Trotz der hohen, grossen Fenster gelangt das Licht nicht bis ins Innerste des Kubus, doch anstelle eines Lichthofs haben die Architekten auf allen Geschossen Kellerabteile und Veloabstellräume für die 27 Wohnungen, davon 3 mit 12,5 Zimmern untergebracht.

«Das Haus ist ein Experiment», erklärt Architekt Andreas Hofer, der bei der Baugenossenschaft «mehr als wohnen» von Anfang an mit dabei war und heute in deren Geschäftsleitung den Bereich «Innovation und Forschung» leitet. «Der U-Wert des Dämmbetons ist relativ schlecht. Doch unsere Messungen zeigen nun, dass das Haus beim Energieverbrauch nicht viel schlechter abschneidet als die Gebäude, die streng nach Minergie-P-Eco geplant sind». Um solche Materialexperimente zu ermöglichen, habe man sich mit der Stadt darauf geeinigt, dass nicht alle Häuser auf dem Hunziker Areal die Vorgaben von Minergie-P Eco einhalten müssen, wie es bei Bauten auf städtischem Land üblich ist. Gesamthaft müssen die Gebäude aber die Vorgaben von Minergie-P-Eco erfüllen (max. 30 kWh Primärenergie pro m2 beheizter Fläche). Geheizt werden die Gebäude mit Abwärme aus dem städtischen Rechenzentrum. Photovoltaikanlagen auf allen Dächern liefern etwa einen Viertel des Stroms, den Haushalte und Gebäudetechnik benötigen.

Und die Bilanz nach einem Jahr: «Wir haben dieses Ziel erreicht.» Die Auswertung zeige, dass bei Minergie-P der tatsächliche Verbrauch oft um die 30 Prozent über den Berechnungen liege. Dabei weist Hofer auf das Monitoring von Lemon Consult mit Beteiligung des Bundesamtes für Energie (BFE) hin. Daraus geht hervor, dass die für Minergie verbaute Technik mit Zwangslüftung und Wärmerückgewinnung viel mehr Strom als berechnet frisst. «Unsere Häuser mit einfachen Abluftanlagen haben hingegen deutlich besser abgeschnitten.» Hofers Fazit, die Bilanz sei etwas bitter für Minergie ist, will er im Nachhinein nicht zitiert wissen.

Allmend auch in Innenräumen

Das Problem von aus dem Boden gestampften Quartieren besteht darin, dass sie keine kommerziellen Anbieter für eingeplante Geschäftslokale finden, weil die Erfahrung fehlt, um kalkulieren zu können. Nichts desto weniger sind Erdgeschosse auf dem Hunziker Areal für Gewerbe und gemeinschaftliche Nutzungen reserviert. Nun arbeiten 150 Personen auf dem Areal, darunter im

Kinderkleiderladen «hans und gret», in den Buchverlagen Salis und Igelzentrum. Es gibt eine Bäckerei, ein Grafikatelier, Tanzstudio, einen Coiffeur Salon, eine Kinderarztpraxis, einen Kindergarten und zwei Kitas. Und in den Werkateliers der Stiftung Züriwerk mit Blick auf den Hunzikerplatz arbeiten 30 Menschen mit Beeinträchtigung, die Schmuck herstellen oder Geräte reparieren. Betreuerin Mette Holmboe sagt. «Man kennt uns hier, wir gehören dazu. Auch die Kinder sind neugierig und schauen manchmal bei uns vorbei.» Dazu leben noch 40 beinträchtige Bewohner auf dem Areal, die teilweise auswärtig beschäftigt werden. Orte der Begegnung sind auch die 800 Quadratmeter Allmendfläche im Innern der 13 Häuser.

Lehrreiches Experiment

Der zentrale Info-Ort befindet sich am Hunziker-Platz an der Réception im Gebäude «Der Pförtner». Sie ist Drehscheibe für Informationen, Anlaufstelle für Fragen, und man kann hier auch eines von zwanzig Gästezimmern buchen, die ebenfalls im Gebäude untergebracht sind. «Das ist nachhaltig», erklärt Hofer: «Wer auf dem Areal wohnt, braucht kein eigenes Gästezimmer, der Besuch kann hier übernachten». Der Bau der Müller Sigrist Architekten verfügt über grosse Balkone. Ins Auge stechen die Kletterpflanzen, die als Bestandteil der Fassade in grossen Betontöpfen an Stahlseilen die Stockwerke emporranken und automatisch bewässert werden.  

Jedes Haus hat nicht nur ein anderes Gesicht, sondern birgt auch eine spezielle, mitunter experimentelle Sonderheit, die nicht überall auf Anhieb geglückt ist. Das mit grauen Eternit verkleidete Gebäude «Das Gartenhaus» der Pool Architekten ist eigentlich ein Holzbau, mit Erschliessungstürmen und Sockelgeschoss aus Beton. Die zwanzig Wohnungen und zwei Studios gruppieren sich um einen Hof. Hier wurde wohl zu viel experimentiert von Ingenieuren, die keine «Hölzige» waren. Technische Probleme führten zu Schall- und Geruchsübertragungen zwischen den Wohnungen, so dass Erstmieter teils wieder auszogen, bevor aufwendig nachverbessert wurde.

In der Ausmarchung für die Gestaltung der Spielplätze wurde der Genossenschaftsgedanke sehr weit getrieben, mit der Folge, dass es in der autofreien Siedlung zwei Jahre lang nur einen 08/*15-Kinderspielplatz gab. Der Prozess war aufwändig, die Kommunikation mangelhaft. Eine Frau mit ihrer Tochter auf dem kargen Kiesplatz meint: «Geld wäre vorhanden, und die Quartiergruppe hat viel Zeit investiert. Für die älteren Herren im Vorstand hat ein Spielplatz wohl einfach nicht Priorität». Im Frühling kommt nun die durchdachte Neugestaltung. Ihre Tochter scheint es wenig zu kümmern. Sie hat Ihr Gspänli getroffen, ihren Puppenwagen hat sie am Rand der Kiesfläche parkiert. Bevor mit Mama nach Hause geht, schaukelt sie nun noch einmal mit ihrer Freundin freudig um die Wette. Vom Sozialen her hat das Hunziker-Areal offensichtliche viele Punkte gesammelt. Die Baugenossenschaft «mehr als wohnen» wurde 2017 von der Stiftung Building and Social Housing (BSHF) mit dem World Habitat Award 2016-17 ausgezeichnet.

Text: Martina Huber/Christian Bernhart
Bilder: Christian Bernhart

 

Grundrisse, Pläne und Fotos der einzelnen Gebäude unter
www.mehralswohnen.ch/hunziker-areal/architektur/