Lebendige Utopie am Berner Stadtrand

Via Felsenau, das baubiologische Gemeinschaftswohnhaus der ersten Stunde, entstand aus einer gesellschaftlichen Utopie von Berner Jugendlichen. Ihr Durchhaltewille von zehn Jahren bis zur Verwirklichung war aussergewöhnlich. Und überaus nach haltig: 24 Jahre nach der Erstellung ist die unkonventionelle Wohngemeinschaft von 30 Personen lebendiger denn je.

Mitte vergangenen Februar nachmittags auf der Terrasse im zweiten Obergeschoss des Südwestflügels der Via Felsenau sitzt man bereits sonnendurchwärmt bei geradezu idyllischer Ruhe. Bisegeschützt könnte man bis zum Sonnenuntergang der Geschichte dieses baubiologischen Pionierbaus nachhängen. Doch erst einmal reibt man sich die Augen, um sich zu vergewissern, dass diese Utopie so gelebt wird, wie wir sie vor über 30 Jahren erträumt, er-hofft und geplant hatten. Reto Stucki, als Miterbauer und Bewohner geniesst auf der Terrasse als junger Familienvater den behaglichen Wohnkomfort, für den er bloss eine Voraussetzung nennt: «Man muss nur gerne mit Leuten zusammenwohnen.»

Einmaliger Pionierbau

Das Gemeinschaftswohnhaus der Via Felsenau ist rein bautechnisch das erste und einzige Lehmwohnhaus der neueren Zeit in dieser Grösse: drei Geschosse mit je zwei Wohnungen, jede davon für eine Wohngemeinschaft mit mindestens 5 Personen. Dazu im Untergeschoss ein Gemeinschaftsraum mit Bühne für kulturelle Anlässe, zumeist Konzerte und DJ-Veranstaltungen. Es ist ein handwerklich aufwendig erstelltes Haus, vornehmlich mit Häcksellehmaussenwänden, mit Lehm gefüllten Böden für den Schallschutz und einer extensiven Dachbegrünung aus einem Gemisch von Lehm und Lavaerde (Siehe: Aus eigenem Erdreich). Via Felsenau ist in seiner Bauweise bis heute ein Pionierhaus geblieben.

Mehr als Jugendunruhen

Die Idee zu Via Felsenau keimte während den Jugendunruhen der 1980er Jahre, die in Bern um eine beachtliche Portion kreativer und weniger drogengetrieben als in Zürich stattfanden. Proteste und Häuserbesetzungen waren zwar auch von Marihuana-rauch durchdrungen, doch die Demonstrationen richteten sich in erster Linie gegen den knappen Wohnraum und die fehlende Unterstützung der alternativen Kulturszene. Brennpunkt war die Reithalle als autonomes Jugendzentrum, das infolge der Auseinandersetzung geschlossen und 1987 von den Jugendlichen wieder eingenommen wurde. Die Protestierenden holten sich überdies dank dem friedlichen, bunten und fröhlichen, mitunter aber laut getrommelten Aufbau des Freilands Zaffaraya am Aareufer auch Sympathien in bürgerlichen Kreisen, aus denen sich einige Sprösslinge dem freien Leben an der Aare anschlossen. 

Akteure im Hintergrund

Aufgeschlossen gegenüber neuen Wohnformen waren in Bern einige Unternehmer und hohe Bundesbeamte, namentlich Hans-Rudolf Ramseier, einflussreichster Bauunternehmer der Stadt, Hans-Ulrich Ludwig, Hochbauchef der PTT, die Architekten Alois Egger und Marcel Mäder und Thomas Guggenheim, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen. Deren Idee, jungen Leuten Land zum Bau nach ihren Bedürfnissen zu übergeben, nahm eine erste Hürde, als die Stadt unterhalb der 1,1 Kilometer langen Autobahnbrücke in der Felsenau reichlich Land erwarb und es auch für diese Idee geben wollte. Es war kein Filetstück, sondern erstreckte sich von einem Gewerbepark hin zum Wohnheim für Strafentlassene bis hinauf zum winterlich schattigen Hang unter dem Felsenauviadukt, über dessen Autobahn pro Tag 96 000 Fahrzeuge rollen. 

Kreatives Zusammenraufen

Anfänglich überwog die Skepsis gegenüber dem Angebot der etablierten Herren. Auch aus beruflicher Neugier nahmen 1984 Ryszard Gorajek, junger Architekturstudent der ETH Zürich und Urs Lötscher, Künstler und Hochbauzeichner, das vorgeschlagene Gebiet unter die Lupe. «Wir steckten mit Kollegen das Grundstück ab, das zu unserer Überraschung sehr gross war», erinnert sich Gorajek. Als Interessensgemeinschaft Berner Jugend baut nahmen sie die Planung in Angriff.

Die Zeit bis zum ersten Spatenstich des Gemeinschaftswohnhauses im Frühjahr 1991 prägten drei Phasen: kreative Planung, Verhandlung mit Einsprachen und Finanzierung. Die spannendste waren die erste: «Wir sammelten Ideen aus verschieden Gruppen, Einzelhäuschen, wabenartige Höhlenhäuser, aber auch Hochhäuser und tulpenartige Aussichtsbauten in Kelchform, die bis über den Autobahnviadukt reichten», sagt Gorajek, bevor er die entscheidende Wende anspricht: «Anstelle der Einzelbauten zogen wir letztlich ein Gemeinschaftshaus vor, das alle zusammen planen und auch bewohnen.» In der Felsenau diente ein baufälliges Bauernhaus der Gruppe als Planungsbüro und Wohnort. Im oberen Tenn hielt man die Vollversammlung mit ambitionierten Ideen ab: Wer drin wohnt, soll auch mitbauen, Materialien müssen naturnah und rezyklierbar sein. Die ökologischen Forderungen spurten die Technik vor, nämlich eine Bauweise mit Lehm, den man aus dem Aushub gewinnt. Das Gemeinschaftshaus in den Grundzügen, wie es heute steht, hatten Gorajek und Lötscher bald einmal skizziert, doch die Diskussionen zogen sich über Monate hin. Die Finanzierung, die ausstehende Baubewilligung, die unentgeltliche Mitarbeit waren alles Fragen, für die es keine schlüssigen Antworten gab. Der einzige, der beharrlich Zuversicht ausstrahlte und stoisch ruhig allen Zweiflern in den Vollversammlungen entgegentrat, war Gorajek. 

Zähes Verhandeln

Seine Zuversicht holte er in unserer kleinen Planungsgruppe an den 14-täglichen Treffen mit den Herren Guggenheim, Ludwig und Ramseier. «Sie haben uns nie dreingeredet, unsere Ideen aber in dem Sinne unterstützt, als sie stets nach einer Umsetzung suchten.» Solidarisch gaben sich auch die Zaffarayaner und die Aktivisten der Reitschule, obschon sie wussten, dass Berner Jugend baut die Unterstützung der Etablierten genoss. Ausstellungen und Veranstaltungen in der Reithalle, das Sammeln von rezyklierbaren Parkettböden oder sanitären Anlagen aus Altbauten sorgten für Gemeinschaftskitt. Dieser drohte jedoch zu erodieren, obschon 1987 das Stadtparlament grünes Licht zur Überbauung gab und wir das erste Baugesuch einreichten.

Der Ort des Baugrunds erwies sich als gesellschaftlich überfrachtet. Widerstand kam vom Quartierverein, der glaubte, neben den Strafentlassenen würde sich eine weitere Randgruppe einnisten. Mit starkem Geschütz traten ebenso die kantonalen Behördenvertreter der Strafentlassenen auf, indem sie das städtisch unterstützte Bauvorhaben als «äusserst rücksichtslos» taxierten. Es brauchte weitere Baugesuche, die den Bau noch mehr in Schattenlage gegen das Felsenauviadukt rückten. Bei der ungewissen Finanzierung galt zudem die Devise, dass sich künftige Bewohner weiterhin zur Gratisarbeit verpflichten mussten. Auch der Schreibende zog sich wegen des ungewissen Ausgangs zurück. Andere, wie der quirlige Architekt und erfahrene Bauleiter Arwed Junginger traten der Gruppe bei. Als aber die Baubewilligung vorlag, so erinnert sich Junginger, zählte die zur Genossenschaft Via Felsenau mutierte Gruppe noch vier Mitglieder, die vor der Aufgabe stand, eine Bausumme von 4,8 Mio. Franken zu stemmen.

Die eben gegründete Alternative Bank stellte sich mit maximal 1 Mio. Franken hinter das nachhaltige Projekt. Die ersten Verhandlungen mit der Berner Kantonalbank BEKB verliefen hingegen harzig. «Sie stuften uns als Hochrisikoanlage ein und sagten uns maximal 350 000 Franken zu», er-innert sich Junginger an den Morgen des ersten Verhandlungstags, an dem nachmittags publik wurde, dass BEKBs blindes Vertrauen in Werner K. Ray ihr einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe bescherte. Die Lösung bahnte sich an, als das Bundes-amt für Wohnungswesen mit einer satten Bürgschaft einsprang und danach unter der BEKB ein örtliches Konsortium von 9 Banken einen Kredit von 3,3 Mio. Franken sprach. Dank Eigenleistungen durch Selbstbau und Unterstützung Dritter kamen weitere 1,5 Mio. Franken hinzu. 

20 Franken Stundenlohn

Im Frühjahr 1991 fand endlich der Spatenstich statt. 40 Bauwillige kamen dank Mundpropaganda in die Felsenau, zumal sich die Gratisarbeit für ein Wohnrecht auf zwei Wochen beschränkte. Gearbeitet wurde zum Stundenansatz von 20 Franken, der sowohl für Angelernte wie auch die Spezialisten, namentlich Junginger als Bau- und zeitlich auch als Kranführer sowie Gorajek als Architekt der Detailplanung, galt. Der Aushub erwies sich, wie geplant, als ausgezeichnete Lehmquelle sowohl für die Wände, als Schallisolation der Holzverbunddecken wie auch für den Verputz und für die extensive Dachbegrünung, wozu dem Lehm Lavaerde zugesetzt wurde. Gorajek stiess an der ETH unter seinen Kommilitonen mit dem Lehmbau auf grosses Interesse. Am Institut für Hochbautechnik initiierte Prof. Hans Hugi im Projekt Bauen in Entwicklungsländern die Forschungs-gruppe Lehmbau. Gorajeks Kollegin Anne-Luise Huber hielt in der Felsenau Vor-träge zum Lehmbau und publizierte 1994 den Lehmbau – Atlas der SIA mit der Gruppe unter Professor Hugi und Thomas Kleespies. Darin wird auch das Gemeinschaftshaus Via Felsenau vorgestellt. Junginger besuchte in Deutschland Lehmkurse, um versiert die Verschalungen anbringen zu können. Gorajek als ausdauernder Planungsstratege, Junginger als versierter Praktiker und Macher – ohne diese sich ergänzenden Personen wäre die Via Felsenau nie entstanden. Im gemeinsamen Büro AAB Architekten planten sie danach die 2. Etappe mit Mehrfamilienhäusern.

 Die Lebensschicksale der stets wechselnden 30 Bewohner/innen des Gemeinschaftshauses, die Höhepunkte der Konzerte und Klubveranstaltungen im Gemeinschaftsraum des Untergeschosses würden mit interessanten Episoden weitere Seiten füllen. Als Bewohnerin der Via Felsenau startete die irische Sängerin Shirley Grimes in Bern ihre Karriere als Sängerin, Simon Ragaz machte sich in der Via Felsenau einen Namen mit elektronischer Musik der Ammonit Produktion. Unter einigen Bewohnern, die sich hier unten über Jahre eingenistet haben, gibt es teils über-einstimmende Eigenschaften: Durch aus-gedehnte Reisen, vornehmlich in asiatischen Ländern, stehen für sie prägende Erlebnisse und Gemeinschaftssinn in der Wertskala ganz oben, das Anhäufen von Wohneinrichtungen weit unten. Die Qualität des Wohnorts im baubiologischen Gemeinschaftshaus ist bereits ein Wert an sich. «Es braucht hier eigentlich gar nicht viel, um gut zu leben. Ich habe mir dafür noch nie viel angeschafft», sagt Reto Stucki (51), Koch im Berner Kultlokal Café Kairo, bevor er sich wieder um seinen anderthalbjährigen Sohn kümmert und zum Abschied das hauseigene Kulturprogramm Spinnerei im Gemeinschaftskellerraum empfiehlt.

 

Text und Fotos: Christian Bernhart

 

 


Links

www.viafelsenau.ch

www.kulturspinnerei.ch

www.aab-architekten.ch