Charles Simonds, Kunstschaffender, New York

Kunst, Philosophie, Architektur, Lehmbau und Soziale Studien

Lehmbau einmal anders

Charles Simonds ist kein Architekt, kein Lehmbauer und kein Handwerker im üblichen Sinne, er ist ein Künstler des 20sten Jahrhunderts. Mit seinen Kunstwerken bin ich an einer Documenta[D1] in Kassel, 1977 in Kontakt gekommen. Charles Simonds, geboren 1945, studierte in New York Kunst und arbeitete als Kunstlehrer und frei schaffender Künstler.

In den frühen 70er-Jahren baute er in der Megametropole, in Mauerritzen, Löchern und auf Simsen der verwitterten Sockelgeschosse des südlichen Manhattens kleine Häuser, sogenannte "Little Dwellings", aus winzigen Lehmbausteinen und Lehm. Diese kleinen Häuschen waren als Heimstätten für imaginäre kleine Völker gedacht, die immer wieder weiter zogen, während dem die Little Dwellings langsam vergingen oder zerstört wurden. Inspiriert waren die kleinen Bauwerke von der Pueblo-Architektur der indigenen Völker, der Indianer des Südwestens. Es waren kleine Lehmbauten inmitten der Metropole aus Stein, Beton, Stahl und Glas.

Zu dieser Zeit, in den frühen 70ern war es angesagt, dass die Künstler die Galerien und Museen verliessen und nahe bei den Leuten, in den Nachbarschaften, ihre Kunstwerke schufen. Simons wurde bekannt im Stadtteil Soho. Die Leute schauten ihm zu, die Kinder halfen ihm, sie ergänzten die Dwellings oder wollten sie nach Hause nehmen und machten sie kaputt. Er selber baute immer wieder Neue, an immer neuen Standorten. Simonds interessierte sich sehr für die soziale Struktur dieser Leute in den Nachbarschafts-Quartieren von Manhatten und für diejenige seiner fiktiven Völker. Seine Eltern waren beide Psychoanalytiker.

Charles Simonds entwickelte drei soziale Strukturen von imaginären Völkern, die eng mit deren Architektur und Bauweise verbunden sind. Die nachfolgenden Erläuterungen sind seinem längeren englischen Text und den entsprechenden Ausstellungsstücken nachempfunden.

Lineare Struktur

Dieses Volk lebte in einer Heimstatt, die wie ein grosser, langer Wohnblock strukturiert ist. Man konnte von einem Ende bis zum anderen durch viele Türen, Gänge und Zimmer gehen. Wenn Ereignisse es erforderten, wenn sich Paare trafen, die Kinder gross wurden oder Freunde sich fanden bauten sie am vorderen Ende immer wieder neue Zimmer und Wohnungen, nach den neusten Erkenntnissen und Bedürfnissen. Die Zimmer und Wohnbereiche am hinteren Ende wurden, wenn die Leute starben oder in neuere Teile umzogen, nicht mehr benutzt. Die Räume verödeten, man hielt sie nicht mehr imstand. Staub sammelte sich in den Ecken, das Dach stürzte ein, die Witterung lies die Lehmstruktur zerfallen. Forschte man weiter, waren da nur noch Ruinen. Diese Ruinen werden laufend von den Spezialisten des linearen Volkes untersucht, um zu lernen, damit das Wissen um Bautechnik und Lebenskultur nicht verloren geht. Sicher rezyklierten sie Materialien und ganze Bauteile, die Erinnerungsstücke und wertvolle Relikte aus der Vergangenheit sind.

Die ganze Siedlung, die vorne neu gebaut wird und hinten zerfällt, wandert linear vorwärts durch die Landschaft, immer auf der Suche nach neuem Land, neuen Abenteuern. Ihr Lauf wird nur durch die Umgebung bestimmt und durch den Willen der Bewohner. Sie weichen einem Berg aus, oder bauen entlang eines Flusses. Es kann passieren, dass sich eine andere, gleiche Zivilisation parallel durch das Land bewegt. Oder eine andere kreuzt ihren Weg. Das führt zu Begegnungen, Auseinandersetzungen, Austausch, Handel, vielleicht zu Liebe. Vielleicht verschmelzen die beiden Kulturen. Einige werden bleiben und neue Räume bauen. Oder ein Teilt zweigt ab und baut eine neue Heimstatt, die in eine eigene Richtung weiter zieht. Sie werden sich lange an diese Zeit der Zusammenkunft erinnern. Irgendwann in der Zukunft werden Historiker die Siedlung verlassen und die Spuren zurückverfolgen, bis zum Kreuzungspunkt, wo nur noch rudimentäre Artefakte zurück geblieben sind. Vielleicht werden sie die Geschichte der Zivilisation neu schreiben. Während dessen bauen die Leute der linearen Kulturen ihre Heimstätten weiter, die sich durch die Landschaft schlängelt, über  sanfte Hügel bis zum Horizont, mit dem sie allmählich verschmelzen.

Die zirkulare Struktur

Dieses Volk lebt in ähnlicher Weise in einem grossen Gebäude, an dem an einem Ende immer neu gebaut wird und am anderen Ende zerfällt und Geschichte wird. Aber es bewegt sich kreisförmig um einen Mittelpunkt. Das Gebäude ist konzentrisch zweizeilig. In einem inneren Kreis sind die Allgemeinbereiche, die Küchen und Essräume. Im höheren zwei- bis dreigeschossigen Teil sind die Wohn und Schlafräume. Im Kreismittelpunkt ist ein grosser, weiter, kuppelförmiger Versammlungsraum, der nur über eine Leiter, durch eine Öffnung im Dach erreicht werden kann.

Das Leben im Kreis folgt zwei Aspekten: Dem Tagesgeschäft, in dem alles Geschehene in Raum und Geschichte eingebettet ist, wo sich Vergangenheit und Gegenwart mischen, kollektive und private Sagas und die Geschichte der Heimstatt selbst, die aus der Vergangenheit in die Zukunft entwickelt wird.

Der zweite Aspekt ist die Konzentration auf die zyklische Energie von Geburt und Wachstum, die zur Zeit der Wintersonnenwende zu einem Ritual wird. Die Zusammenkunft für dieses Ritual findet im Dom, in der Mitte des Kreises statt, im Zentrum der Welt. Um dieses Zentrum kreist die Siedlung unablässig. Neue Zimmer, neue Dwellings werden in der Laufrichtung auf den Ruinen des letzten Zyklus gebaut, während die hinteren Räume immer weniger bewohnt sind, veröden und verschlossen werden. Die Leute bewahren nur Souvenirs als Erinnerungen an ihre individuelle Vergangenheit.

So rotiert die ganze Siedlung über das Jahr auf seiner Kreisbahn um den Dom im Mittelpunkt. Die Aufbauten, oben, beim Einstieg werfen wandernde Schatten, die ganzen Dwellings werden zu einer Art Sonnenuhr, welche das persönliche und universelle Geschehen der Leute auf der Zeitlinie anzeigt. Aus dem Innern des Doms erklingen ohne Unterbruch Gesänge, deren Rhythmus nach aussen dringt und den Leuten den Tackt des Geschehens vorgibt. Jeder kommt zu seiner Zeit an die Reihe, sich an den Gesängen zu beteiligen. Das sitzen und singen ist Meditation.

Sexuelle Aktivitäten waren während des ganzen Jahres verboten, um die ganze Energie des Verlangens auf das grosse Ritual der Wiedergeburt zur Zeit der Wintersonnenwende zu konzentrieren. Sobald die Schatten den Punkt der Wintersonnenwende anzeigen und ein Zyklus vollendet ist, versammeln sich alle Leute im Dom. Sie stehen im Kreis um das Feuer in der Mitte, geben sich die Hände und beginnen zu tanzen und zu singen, immer schneller, wirbelnd, einer den andern übertreffend, bis tief in die Nacht, bis das Feuer erloschen ist, sich Paare in der Dunkelheit des bauchigen Doms finden, umklammern und sich in Orgasmen verlieren. Am nächsten Tag gehen alle wieder ihren Tagesgeschäften nach. Das ist die zyklische Wiedergeburt.

Die Spiralstruktur

Die Leute des Spiralvolks glauben in einer Welt, die sie ganz nach ihrem eigenen Willen formen können, ohne Rücksicht auf die Realität der Natur nehmen zu müssen, zu leben. Ihre Heimstatt formt eine aufsteigende Spirale. Die Vergangenheit bildet das Baumaterial für die Zukunft. Ohne Rücksicht auf ihre Ressourcen, die Anzahl der Bewohner oder die Höhe ihrer Struktur, bauten sie weiter, immer höher. Je höher die Konstruktion wächst, je weniger Arbeiter braucht es für den Bau. Alles was die Leute anstrebten ist die Ekstase des Todes. Ihr Ziel ist beides, die höchstmögliche Höhe zu erreichen und das Vorhersagen des Kollapses, den Moment, wenn ihre letzte Ressource aufgebraucht ist und ihr Tod unausweichlich ist.

Nach dem Zusammenbruch beginnen die Überlebenden von vorne. Sie stecken eine riesengrosse Spirale in der Landschaft ab und beginnen an der Peripherie zu bauen. Die Trümmer der letzten Kultur bilden das Fundament für die nächste Heimstatt. Im Lauf der Zeit wird sie zu einer Rampe, die sich, gemäss immer genaueren Berechnungen in die Höhe zieht.

Das Leben war hierarchisch. Energien wurden gemäss den führenden Philosophen und Mathematikern bestimmt. Arbeit, Bevölkerung, Sicherheit, Ernährung, Ausmasse und Disposition der Arbeiten wurden durch ausgeklügelte, selbstregulierende Mechanismen diktiert.

Die Leute der Spiralstruktur waren in weiten Teilen optimistisch. Obwohl sie hart arbeiteten und Opfer bringen mussten, waren sie glücklich, weil sie wussten, dass die Vorhersagen der Mathematiker immer besser wurden, ihre Heimstatt immer höher wurde und ihr Leben dem Höhepunkt immer näher kam. Sie glaubten fest daran, dass sie Teil hatten am grössten Monument, das die Menschheit je errichtet hatte.

Das Bauwerk brauchte schonungslos alle materiellen Güter auf. Privater Besitz war nicht mehr erlaubt. Mit zunehmender Höhe wurden immer weniger Leute gebraucht. Der Platz war begrenzt. Die Überzähligen stürzten sich opferbereit für die grosse Sache von der höchsten Höhe in die Tiefe und sorgten so für zusätzlichen stabilisierenden Schutt. Individuelle Vergangenheit war vergangen und vergessen. Nur die Konstruktions-Entscheide aufgrund der abstrakten mathematischen Formeln, nach denen man plante und baute, wurden sorgfältig archiviert. Die Vergangenheit der Heimstatt wurde durch das mathematische Modell rekonstruiert, und dieses für den dynamischen Bezug zur Zukunft genutzt. Diese Berechnungen waren zwingend sehr präzise. Auch nur der geringste Fehler konnte das ganze Gebäude gefährden. Allerdings waren Fehler unvermeidlich. Darum waren während den Bauarbeiten immer Zweifeln da, die zu Depressionen führten und schlussendlich zum Zusammenbruch.

Fazit:

Was hat das alles mit Lehmbau zu tun?

Charles Simonds war von der matriarchalischen, schöpferischen Kraft des erdig feuchten Materials fasziniert, aus dem Töpfe, Krüge, Figuren, und Alltagsgegenstände geformt werden konnten. Der feuchte Boden aus dem Kunst, Häuser, ganze Städte mit Burgen, Mauern, Gotteshäusern und Türmen geformt werden konnten. Die geschmeidige, feuchte, plastische Basis, wurde in der trockenen Luft hart und spröde, zerfiel langsam und zerbröselte, wenn die Objekte nicht fleissig gewartet wurden. Selbst als, zuerst Krüge, später die Bausteine für die Gebäude gebrannt wurden, um ewige Werke zu schaffen, bewahrte das Material seine archaische erdige Kraft durch die Jahrtausende. Der Baustoff als Basis für das soziale Gefüge.

Baufachleute, die gemäss baubiologischen Richtlinien bauen, benützen gerne sinnlich angenehm erfahrbare Baumaterialien, wie den formbaren Lehm, Holz und Faserstoffe. Sie bauen gerne mit alten, überlieferten  Techniken und Arbeitsweisen. Wie gross der Einfluss der Materialen, Techniken und Bauweisen auf die sozialen Strukturen sind, darüber können wir viel nachdenken. Auch das ist Baubiologie.

April 2020, Bernhard Stohler