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Schafwolle

Schafwolle neu gedacht – Ein strategischer Rohstoff für Baubiologie, Textilindustrie und Kreislaufwirtschaft

Für die Baubiologie ist Schafwolle ein Paradebeispiel für Materialgesundheit: Sie kombiniert technische Leistungsfähigkeit mit ökologischer Verträglichkeit und unterstützt ressourcenschonendes, kreislauforientiertes Bauen.

Mit den kalten Wintertagen wächst das Bedürfnis nach Wärme, Geborgenheit und einem gesunden Raumklima – die Wahl der Materialien spielt dabei eine entscheidende Rolle. Schafwolle, ein Nebenprodukt der Schafhaltung, fällt jährlich in grossem Umfang an, doch in der Schweiz bleibt ein erheblicher Teil ungenutzt oder wird entsorgt. Dabei vereint sie Eigenschaften, die kaum ein anderes Material in dieser Kombination bietet: feuchtigkeitsregulierend, wärmedämmend, schadstoffbindend, schwer entflammbar und vollständig biologisch abbaubar.

Für die Baubiologie ist Schafwolle ein Paradebeispiel für Materialgesundheit: Sie kombiniert technische Leistungsfähigkeit mit ökologischer Verträglichkeit und unterstützt ressourcenschonendes, kreislauforientiertes Bauen. Ihre Vielseitigkeit macht sie zudem zu einem Rohstoff für Bauwirtschaft, Textilindustrie, Innenarchitektur, Kosmetik und Landwirtschaft.

Vom Schaf zur Faser – Verarbeitung und Materialwissenschaft

Schafwolle besteht zu über 95 % aus Keratin, ergänzt durch Lipide (Lanolin) und Mineralstoffe. Ihre natürliche Kräuselung bildet mikroskopisch kleine Lufträume, die für thermische, akustische und feuchteregulierende Eigenschaften verantwortlich sind.

Zentrale Materialeigenschaften:

  • Feuchteregulierung: Nimmt bis zu 35 % ihres Eigengewichts an Wasserdampf auf, ohne sich nass anzufühlen; diffusionsoffen (μ ≈ 1) und gleichzeitig wasserabweisend durch Lanolin– ein Vorteil gegenüber mineralischen oder synthetischen Dämmstoffen.
  • Wärmespeicherung: Wärmeleitfähigkeit λ ≈ 0,035–0,045 W/mK – vergleichbar mit konventionellen Dämmstoffen.
  • Schallschutz: Offenporige Struktur absorbiert Schall.
  • Schadstoffbindung: Bindet Formaldehyd und flüchtige organische Verbindungen (VOCs) in Innenräumen.
  • Brandschutz: Schwer entflammbar, Selbstentzündung bei ca. 560 °C, geringe Rauchentwicklung.
  • Biologische Abbaubarkeit: Kompostierbar, rückführbar in den natürlichen Stoffkreislauf.

Diese Kombination macht Schafwolle zu einem biobasierten Hochleistungswerkstoff – natürlich, sicher und bauphysikalisch aktiv.

Verarbeitungsschritte:

  1. Schur der Schafe aus artgerechter Haltung
  2. Reinigung: Waschen, Entfetten, Sortieren
  3. Kardieren: Ausrichtung der Fasern
  4. Spinnen oder Vliesherstellung
  5. Weiterverarbeitung zu Textilien, Dämmstoffen, Akustikvliesen oder Dünger

Kaskadennutzung und Wertschöpfung

Nur ein kleiner Teil der Schweizer Wolle erreicht hochwertige Textilanwendung; der Grossteil bleibt ungenutzt oder wird exportiert. Die konsequente Kaskadennutzung erlaubt eine effiziente Verwertung, branchenübergreifende Wertschöpfungskotte und stärkt die regionalen Ökonomie:

  • Textilien & Heimtextilien: Feine Wollen (z. B. Merino) für Bekleidung, Decken und Strickwaren.
  • Teppiche & Innenarchitektur: Mittlere Qualitäten für Filze, Akustikelemente und Designteppiche – langlebig, geruchsneutral und raumklimaregulierend.
  • Füllmaterialien: Verwendung in Matratzen, Bettwaren und Outdoorbekleidung dank hoher Elastizität und Wärmerückhalt.
  • Bauwesen: Grobe Qualitäten für Dämmstoffe, Stopfwolle und Akustiklösungen.
  • Gartenbau & Landwirtschaft: Wollpellets als organischer Langzeitdünger, lose Wolle als Mulch oder Torfersatz.
  • Geotextilien: Wollmatten für Erosionsschutz, Begrünung und Vegetationssysteme.
  • Büro & Alltag: Filzprodukte wie Sitzkissen, Dokumentenhalter und Akustikabsorber.

Laut der FNR-Marktstudie (2023) bestehen besonders hohe Potenziale in den Bereichen Teppiche, Füllmaterialien, Geotextilien und Outdoorprodukte, da hier auch gröbere Wollen erfolgreich eingesetzt werden können.

Schafwolle in der Bauwirtschaft

Schafwolle überzeugt im nachhaltigen Bauen als Dämm-, Akustik- und Stopfmaterial. Sie wird in Dach-, Wand- und Deckenkonstruktionen eingesetzt und reguliert aktiv die Raumfeuchtigkeit. Formstabil, feuchtigkeitsausgleichend und schadstoffbindend, unterstützt sie die Schimmelprävention und verbessert die Innenraumluftqualität.

Strenge Umweltstandards wie das natureplus®-Label garantieren Emissionsarmut, Klimaverträglichkeit und technische Leistung. Schweizer Hersteller wie Fisolan AG und Fiwo erfüllen diese Kriterien - beide sind Mitglieder von Baubioswiss und engagieren sich für gesundes, ressourcenschonendes Bauen. Der Vertrieb erfolgt u. a. über Stroba Naturbaustoffe AG, Premium-Mitglied von Baubioswiss.

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Abb. 1 Unterschiedliche Schafwollprodukte. Fisolan AG. (2025)

Textilindustrie Schweiz – fair, lokal, zirkulär

In der Textilbranche erlebt Schafwolle eine Renaissance. Ein Paradebeispiel ist die Fair Fashion Factory Basel (fff), die auf einem ehemaligen Industrieareal im Klybeck-Quartier entstanden ist – dort, wo schon früher gewebt und gestrickt wurde.

Die fff verknüpft traditionelles Handwerk mit moderner Technologie: Mit einer historischen Strickmaschine und zertifizierter Merinowolle (RWS) werden in Basel hochwertige Produkte wie Wollschals lokal gefertigt – vom Design bis zur Fertigung. Parallel dazu werden Alttextilien sortiert, recycelt und in neue Produkte integriert.

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Abb. 2 Wollschal. fff. (2025)

Die fff fungiert zugleich als Thinktank für textile Kreislaufwirtschaft: Workshops, Ausbildungsangebote und Forschungsprojekte fördern Wissenstransfer, Transparenz und regionale Wertschöpfung – ein Modellprojekt im Sinne der Baubiologie: gesund, fair, ressourcenschonend und transparent.

Weitere Branchen und Anwendungen

Schafwolle entfaltet ihr Potenzial weit über Bau und Mode hinaus:

  • Möbel & Innenraumgestaltung: Einsatz in Teppichen, Polstern und Akustikvliesen zur Verbesserung von Raumklima und Behaglichkeit.
  • Kosmetik & Pharmazie: Gewinnung von Lanolin, einem feuchtigkeitsbindenden, hautfreundlichen Naturstoff für Haut- und Lippenpflege, medizinische Salben sowie Babypflegeprodukte.
  • Gartenbau & Landwirtschaft: Verwendung als organischer Dünger (Wollpellets) oder Mulch; verbessert Bodenstruktur und Wasserspeicherung.
  • Geotextilien & Erosionsschutz: Kombination aus Schafwolle und Kokosfasern für stabile, biologisch abbaubare Vegetationsmatten.
  • Büro & Alltagsprodukte: Filzlösungen für Raumakustik, Sitzmöbel und nachhaltige Büroorganisation.

Die Vielfalt zeigt die hohe Anpassungsfähigkeit des Materials und sein Potenzial in Nischenmärkten, die ökologische Qualität, regionale Herkunft und handwerkliche Verarbeitung schätzen – ein wachsendes Segment, das die Schweizer Kreislaufwirtschaft stärkt.

Fazit

Schafwolle ist ein strategisch relevanter Rohstoff für die nachhaltige Entwicklung in der Schweiz. Sie vereint ökologische, gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Werte und eröffnet durch Kaskadennutzung ein breites Anwendungsspektrum. So werden Abfälle reduziert und die ökonomischen Potenziale der Schafhaltung gestärkt.

Die Verbindung von regionaler Verarbeitung, Materialgesundheit und Wiederverwertung macht Schafwolle zu einem greifbaren Beispiel für zirkuläres, verantwortungsbewusstes Wirtschaften. Projekte wie die Fair Fashion Factory Basel oder natureplus®-zertifizierte Dämmstoffe zeigen, dass Nachhaltigkeit, Design und Handwerk erfolgreich kombiniert werden können und ein tragfähiges Zukunftsmodell sind.

Tipp der Redaktion:
Der Film „Re.woolution“ von oikos & Partner zeigt Schafwolle als Sinnbild zirkulärer Materialkultur und verdeutlicht ihre Vorteile für gesundes, nachhaltiges Bauen.

Autorin:

Anouk Godelet
Architektin M.Eng., Baubiologin mit eidg. FA
GEAK-Expertin, Beraterin zirkuläres Bauen
Geschäftsleitung Baubioswiss, Vorstandsmitglied VNBB und natureplus

   

Quellen

BAFU. (2025). Nachhaltige Textilien. Bundesamt für Umwelt. https://www.bafu.admin.ch/de/nachhaltige-textilien

Baz Online. (2025). Fair Fashion Factory Basel: Verein setzt sich für Textilindustrie ein. https://www.bazonline.ch/fair-fashion-factory-basel-verein-setzt-sich-fuer-textilindustrie-ein-117576195051

Campus Klybeck. (2024). Treffpunkt: Dolor sit amet consetetur. https://www.campus-klybeck.ch/de/2024/07/19/treffpunkt-dolor-sit-amet-consetetur-3/

Der Hauseigentuemer.ch. (2025). Wolle im Garten. https://der-hauseigentuemer.ch/artikel/wolle-in-den-garten-250749

Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR). (2023). Hintergrundinformationen zur „Studie zur Analyse des Marktes für Schafschurwolle aus Deutschland – Stand, Potenziale, Hemmnisse und Handlungsempfehlungen“.

Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR). (2025). Projektbericht Schafwolle als nachwachsender Rohstoff. https://pflanzen.fnr.de/projekte/regionale-schafwolle

natureplus. (2025). Aufgeklärt: 5 Vorurteile rund um Schafwolldämmung. https://natureplus.org/artikel-news/aufgeklart-5-vorurteile-rund-um-schafwolldammung

Fair Fashion Factory. (2025). https://fairfashionfactory.ch/

oikos & partner. (2025). Re.woolution [Film]. https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=mUc1oF0DF5k

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